CPDC-Projekte zu Asozialität und Ausgrenzung


Projektleitung:   Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Durchführung:    Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Elke Rajal
Fertigstellung:    Januar 2020

Ausstellung: "asozial" – Ausgrenzung gestern und heute.

In den Jahren 2017/2018 wurde am Institut für Konfliktforschung ein Forschungsprojekt zum Thema "‘Asozial‘ im Nationalsozialismus und die Fortschreibung im Nachkriegsösterreich" durchgeführt. Die Ergebnisse ihrer Studie haben Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr und Elke Rajal im März 2019 unter dem Titel "arbeitsscheu und moralisch verkommen". Verfolgung von Frauen als "Asoziale" im Nationalsozialismus im Mandelbaum Verlag publiziert. Parallel dazu haben Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr die wichtigsten Ergebnisse kompakt, nachvollziehbar und anschaulich für eine Wanderausstellung aufbereitet.

Auf insgesamt 14 Tafeln werden die zentralen Zuschreibungen von "Asozialität", die rechtlichen Grundlagen, behördliche Routinen und Verfolgungswege erörtert. Zwangssterilisationen und Verfolgung von Jugendlichen, die Arbeitsanstalten für "asoziale" Frauen sowie die Überlebensbedingungen für "Asoziale" in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Uckermark sind weitere Themen. Zudem veranschaulichen zwei Porträts von als "asozial" verfolgten Frauen die Folgen für die solcher Art Stigmatisierten.

Besonders wichtig war es den Ausstellungsgestalterinnen, die Kontinuitäten im Diskurs über und der Stigmatisierung und Diskriminierung von sozialen Randgruppen zu betonen. Sie zeigen anhand vielfältiger aktueller Beispiele, wie bestimmte Denk- und Ausgrenzungsmuster auch 75 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft fortbestehen, indem Menschen bzw. Menschengruppen als "anders", als "fremd" und "unzugehörig" – aufgrund ihres Verhaltens, ihrer Moral, ihrer Herkunft, ihrer ökonomischen Möglichkeiten, ihrer Religion, ihres Geschlechts etc. – abgewertet, stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Dieser Gegenwartsbezug verdeutlicht die Aktualität der Thematik.

Die Ausstellung war 2019 an folgenden Orten zu sehen: RESOWI-Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz; Campus der Universität Wien sowie Juridische Fakultät (Juridicum) der Universität Wien; St. Georgen/Gusen und Mauthausen im Rahmen des Dritten Internationalen Menschenrechtssymposiums der Bewusstseinsregion Mauthausen – Gusen – St. Georgen; Kunstuniversität Linz während der "16 Tage gegen Gewalt gegen Frauen" in Linz (in Kooperation mit dem Frauenbüro der Stadt Linz, der Johannes Kepler-Universität Linz sowie der Kunstuniversität Linz).

Ausgrenzung gestern und heute: Kontinuitäten der Stigmatisierung von gesellschaftlichen Randgruppen

Unter diesem Titel konzipierten Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr eine Lehrveranstaltung, die sie als Seminar am Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen an der RESOWI-Fakultät der Universität Graz im Wintersemester 2019/20 abhielten.

Ausgangspunkt des Seminars war die nationalsozialistische Verfolgung von als "Asoziale" stigmatisierten Menschen. Anhand dieses Referenzrahmens wurde den Kontinuitäten der Stigmatisierung in aktuellen Diskursen über und Bildern von "Asozialität", "Arbeitsscheu" oder "amoralischem Lebenswandel" nachgegangen. Dass damit verbundene (Ausgrenzungs-)Diskurse bis heute nicht an Wirkmächtigkeit verloren haben, hat nicht zuletzt mit der mangelnden gesellschaftlichen Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Geschichte dieser Opfergruppe zu tun. Vor diesem Hintergrund wurden im Seminar die Fragen erörtert, inwiefern in den aktuellen Diskursen über Migration/Flucht/Asyl, Bettelei, "Sozialmissbrauch"/"Sozialschmarotzer_innentum" im Nationalsozialismus geschaffene Bilder bis heute fortwirken und welche Möglichkeiten der Gegensteuerung es gibt. Ein vertiefender Blick auf aktuelle Abwertungen von Bettler_innen, Roma und Sinti sowie Obdachlosen wurde insbesondere mit lokalen Bezügen geleistet.

Die historische Dimension von "Asozialität" erläuterten die beiden LV-Leiterinnen Amesberger und Halbmayr sowie die Gastreferentin Julia Hörath vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Der Bogen zur Gegenwart wurde mit dem Film von Heike Rode über die als "Asoziale" verfolgte Maria Potrzeba ("…dass das heute noch immer so ist – Kontinuitäten der Ausgrenzung") gespannt. Aktuelle Bezüge stellten die Gastreferentin Elke Rajal, die sich mit "Asozialität" als Thema der Politischen Bildung und Möglichkeiten der didaktischen Umsetzung beschäftigte, sowie Ulli Gladik mit ihrem Film "Natasha. Porträt einer bulgarischen Bettlerin" her.

Den Studierenden wurde mit dieser Lehrveranstaltung die Langlebigkeit und gleichzeitig Variabilität von gesellschaftlichen Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsprozessen vermittelt, wobei nicht nur deren strukturellen Grundlagen, sondern auch die Folgen für die Betroffenen ebenso wie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Vordergrund standen.

"Asozialität" als Thema der Politischen Bildung – Kontinuitäten der Stigmatisierung von vermeintlich "Leistungsunwilligen"

Die Lehrveranstaltung "Asozialität" als Thema der Politischen Bildung – Kontinuitäten der Stigmatisierung von vermeintlich "Leistungsunwilligen" wurde von Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr gemeinsam mit Judith Goetz vom Zentrum für Lehrer_innenfortbildung der Universität Wien konzipiert und in Kooperation mit dem Demokratiezentrum Wien als Partner im CPD-Cluster im Wintersemester 2019/20 an der Universität Wien durchgeführt. Das Proseminar wurde als Vortragsreihe geplant und war somit auch für externe InteressentInnen zugänglich.

Ausgangspunkt der Lehrveranstaltung war die nationalsozialistische Verfolgung von Menschen, die als "Asoziale" stigmatisiert wurden. Diesem Themenschwerpunkt widmeten sich die Vorträge der beiden ersten Termine: Julia Hörath vom Hamburger Institut für Sozialforschung widmete sich den "Asozialen" und "Berufsverbrechern" in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938. Daran anschließend diskutierten Sylvia Köchl, Politikwissenschafterin und Journalistin in Wien, und Andreas Kranebitter, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, mit der Referentin und fokussierten dabei auf die Verfolgungssituation in Österreich ab 1938. Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr gingen in ihren Vorträgen der Verfolgung von Frauen als "Asoziale" während des Nationalsozialismus und den Kontinuitäten der Ausgrenzung nach 1945 nach. Der Linguist Markus Rheindorf fokussierte in seinem Vortrag auf Diskurse der Abwertung in der österreichischen Politik. Ferdinand Koller übertitelte seine Ausführungen "Schulterschluss gegen kriminelle Bettler-Banden" und analysierte die antiziganistischen Diskurse in Österreich. Ulli Gladik war mit ihrem Film "Natasha. Porträt einer bulgarischen Bettlerin" zu Gast. Ein weiterer Film, nämlich "…dass das heute noch immer so ist – Kontinuitäten der Ausgrenzung" von Heike Rode, thematisiert die Ausgrenzungserfahrungen von Maria Potrzeba, die als junge Frau im Jugendkonzentrationslager Uckermark inhaftiert war, und den Umgang ihrer Nachkommen sowie ihres Herkunftsorts mit den spezifischen Erfahrungen der als "asozial" im Nationalsozialismus verfolgten Frau. Die Wiener Politologin und Mitarbeiterin am IKF Elke Rajal widmete sich der Thematisierung von "Asozialität" in der Politischen Bildung und zeigte Möglichkeiten der didaktischen Umsetzung auf. Im Vortrag von Judith Goetz, Literatur- und Politikwissenschafterin, standen Sozialdarwinismus, Klassismus und Rechtsextremismus im Zentrum der Auseinandersetzung wie auch Möglichkeiten der Thematisierung von Abwertungsdiskursen gegenüber vermeintlich "Leistungsunwilligen" in der Schule. Den Schlusspunkt der Vortragsreihe setzte Susanne Gerull, Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin, mit ihrem Fokus auf Obdachlosigkeit und deren gesellschaftlicher Stigmatisierung bis hin zur Hasskriminalität.

In den Diskussionen sowie in den von den Studierenden zu verfassenden schriftlichen Arbeiten standen die Thematisierung von Ausgrenzung gesellschaftlicher Randgruppen im Schulalltag und die dafür geeignete Methodik und Didaktik im Zentrum, sowie die Frage, welchen Beitrag Politische Bildung zur Bearbeitung von im Nationalsozialismus geschaffenen Bildern, die bis heute fortwirken, leisten kann.